Geruchsereignisse und Geruchsbeschwerden im sächsisch-tschechischen Grenzgebiet

 

Geruchsereignisse im Erzgebirge und Vogtland

Geruchsereignisse scheinen ein überwiegend sächsisches Problem zu sein und treten im Erzgebirgskreis, Kreis Mittelsachsen, Vogtlandkreis und vereinzelt im Kreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge auf. Verursacher sind Betriebe im nordböhmischen Industrierevier. Zwischen dem Tal des Flusses Eger und dem Becken von Most befinden sich nach Angabe des European Pollutant Release and Transfer Register (E-PRTR) circa 100 berichtspflichtige Industrieanlagen. Bekannt ist, dass Geruchsereignisse bei südlichen Luftströmungen, Hochdruck-Wetterlagen über Mitteleuropa und stabilen Luftschichten mit Temperaturumkehrung (so genannten Inversionswetterlagen) auftreten. Bisher konnten die genauen Verursacher der Geruchsbelastung nicht identifiziert werden. Dies hat mehrere Gründe. Einerseits erreichen die emittierten Luftmassen mit mehrstündiger bzw. mehrtätiger Verzögerung das Erzgebirge und Vogtland. Andererseits entstehen Gerüche teilweise erst während des Lufttransportes durch chemische Umwandlungs- und Durchmischungsprozesse. Neben der Industrie trägt der Hausbrand (Holz- und Kohlefeuerung) in Sachsen und der Tschechischen Republik zur Geruchsbelastung bei (3, 4). 

Die Abbildungen zeigen die Anzahl der Einzelbeschwerden, die Zahl der Beschwerdetage, an denen mindestens zehn Einzelbeschwerden aufgenommen wurden sowie die Beschwerden von September bis April für das Erzgebirge (Erzgebirgskreis, Kreis Mittelsachsen, vereinzelt Sächsische Schweiz - Osterzgebirge) und das Vogtland (Vogtlandkreis).

Als Geruchsbeschwerde wird definiert: Eine Person meldet ein Geruchsereignis dem Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG), indem 1) die Person beim „Geruchstelefon“ anruft und den Fragebogen von einem Mitarbeiter des LfULG ausfüllen lässt oder 2) die Person den Fragebogen zur Geruchsbelastung online ausfüllt und an das LfULG schickt.

Durch dieses Vorgehen werden Geruchsbeschwerden erfasst. Bis zum Jahr 2013 lag die maximale Anzahl an Geruchsbeschwerden pro Jahr bei 550. Im Jahr 2014 ist eine stark erhöhte Anzahl von Beschwerden zu erkennen. Die Zahl der gemeldeten Geruchsereignisse stieg im Jahr 2014 auf 1.181 an. Auch 2015 gingen über 1.000 Geruchsbeschwerden beim Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie ein (vgl. Abbildung 1).

Abbildung 1: Anzahl der Geruchsbeschwerden von 2010 bis 2017 (Stand: 06.09.2017)

Das Erzgebirge war mit 1.154 Geruchsbeschwerden an insgesamt 141 Tagen im Jahr 2014 sowie mit 923 Geruchsbeschwerden an 157 Tagen im Jahr 2015 die am stärksten von Geruchsbelastung betroffene Gegend im sächsisch-tschechischen Grenzgebiet. Im Vogtland wurde 2014 an 15 Tagen und 2015 an 29 Tagen mindestens ein Geruchsereignis gemeldet.  In den Jahren 2010 bis 2016 gab es nach Angaben der Bevölkerung im Erzgebirge an zwei bis 29 Tagen ein Geruchsereignis (wobei an diesen Tagen mindestens zehn Geruchsbeschwerden beim LfULG eingingen). Insbesondere 2014 und 2015 lag diese Anzahl mit 28 bzw. 29 Tagen, an denen mindestens zehn Geruchsbeschwerden gemeldet wurden, extrem hoch. Die Anzahl an Tagen mit mindestens zehn Geruchsbeschwerden liegt im Vogtland durchgängig niedriger als im Erzgebirge  (vgl. Abbildung 2).

* Gemeinden aus Erzgebirgskreis, Mittelsachsen und Sächsische Schweiz - Osterzgebirge

Abbildung 2: Anzahl der Beschwerdetage mit 10 und mehr Einzelbeschwerden im Erzgebirge und Vogtland in den Jahren 2010 bis 2017 (Stand: 06.09.2017)

Geruchsereignisse sind vor allem ein Phänomen der kalten Jahreszeit und treten insbesondere zwischen September und April auf. 1.304-mal wurde zwischen September 2014 und April 2015 ein Geruchsereignis aus dem Erzgebirge und Vogtland gemeldet. Die Zahl war sowohl in der vorangegangenen Wintersaison (September 2013 bis April 2014) mit 579 Meldungen als auch in der nachfolgenden Wintersaison (September 2015 bis April 2016) mit 569 Meldungen sehr viel geringer (vgl. Abbildung 3).

Abbildung 3: Anzahl der Geruchsbeschwerden von September bis April 2010 bis 2017 (Stand: 06.09.2017)

 

Geruchsereignisse in der Tschechischen Republik

In der Tschechischen Republik werden Geruchsereignisse und Belastungen in der Bevölkerung nicht in dem Maße thematisiert wie im sächsischen Gebiet. Eine zentrale Anlaufstelle, um ein aufgetretenes Geruchsereignis zu melden, gibt es in der Tschechischen Republik nicht. Bürger haben die Möglichkeit, sich beim örtlichen Rathaus, dem Bezirksamt oder der Tschechischen Umweltinspektion (ČIŽP = Česká inspekce životního prostředí) zu melden.

 

Projektziel

Bisher liegen Angaben zu Geruchsereignissen durch Geruchsbeschwerden von Bürgern, die sich beim LfULG melden, vor. Dies sind jedoch wenig objektive und belastbare Daten, sondern diese Angaben spiegeln vielmehr die individuelle Wahrnehmung eines Teiles der Bevölkerung im Erzgebirge und Vogtland wieder. Um objektive Daten zum Auftreten von Geruchsereignissen treffen zu können, verfolgt OdCom das Ziel, die Geruchsereignisse und die Luftqualität im sächsisch-tschechischen Grenzgebiet zu objektivieren.

Inhalt des Projektes ist eine detaillierte Dokumentation der Geruchsereignisse und der Luftqualität im sächsisch-tschechischen Grenzgebiet über zwei Jahre, um die Ursachen und das Auftreten von Geruchsereignissen präziser bestimmen zu können. Dabei kommen

  • ein Probandenprogramm zur unabhängigen Geruchsbeurteilung
  • sowie die Erprobung neuer und innovativer Messtechnik zum Einsatz (u.a. Bestimmung von Bioaerosolen und Endotoxinen, um diese als Ursache von Erkrankungen ausschließen zu können; Verfolgung der Geruchssspur mittels eines Ionenmobilitätsspektrometers; Messung ultrafeiner Partikel und PM1 Ruß)

 

Gesundheitliche Gefahren der auftretenden Gerüche im sächsisch-tschechischen Grenzgebiet

 

Die Bevölkerung des sächsischen Grenzgebietes berichtet von gesundheitlichen Folgen, die Geruchsereignisse bei ihnen auslösen. Gerüche führen nach Aussagen der Betroffenen zu allgemeinen Krankheitszeichen, wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Schwindelgefühl. Nach Angaben, die Bewohner des Erzgebirges und Vogtlandes beim LfULG machten, litten die Betroffenen während der Geruchsereignisse im Jahr 2015 über Symptome der Atemwege (192-mal genannt), über Magen-Darm-Symptome (227-mal genannt) sowie an Kopfschmerzen (263-mal genannt).

Inhalt des Projektes ist eine detaillierte Dokumentation der gesundheitlichen Auswirkungen im sächsisch-tschechischen Grenzgebiet, um Aussagen über das gesundheitsgefährdende Potential der auftretenden Gerüche und Luftschadstoffe treffen zu können. Dabei kommen

  • eine Befragung von Patienten mittels Fragebogen und Tagebuch zur Dokumentation der Geruchsereignisse und aufgetretener Gesundheitsprobleme
  • vier Gruppendiskussionen und anschließend mindestens eine telefonische Bevölkerungsumfrage zur Geruchsbelastung
  • eine Analyse von Versorgungsdaten, wie ambulanten und stationären Behandlungen, zum Einsatz

 

Untersuchungsgebiet und Messstationen im sächsisch-tschechischen Grenzraum

 

Unsere Untersuchungsgebiete befinden sich im Erzgebirge sowie Vogtland auf sächsischer Seite sowie in den Bezirken Ústí und Karlovy Vary auf tschechischer Seite. Dies sind Gebiete, die vor allem auf sächsischer Seite durch wiederkehrende Geruchsereignisse gekennzeichnet sind. Die Messstationen zur Messung von Geruch und Luftschadstoffen, insbesondere ultrafeinen Partikeln, befinden sich in Deutschneudorf (Sachsen) sowie in Lom (Bezirk Ústí). Diese Messstationen sind repräsentativ, um Gerüche und Luftschadstoffe analysieren zu können.

Karte hergestellt aus OpenStreetMap-Daten | Lizenz: Open Database License (ODbL)

 

Sächsisches Untersuchungsgebiet

Das sächsische Untersuchungsgebiet erstreckt sich über Teile des Erzgebirgs-, Vogtlandkreises und Kreis Mittelsachsen. Erzgebirge und Vogtland liegen im südlichen Teil Sachsens und werden klimatisch von der Tschechischen Republik beeinflusst. Sie befinden sich unmittelbar an der Grenze zum tschechischen Nachbarn. Die sächsische Messstation steht in Deutschneudorf auf dem Festplatz an der Talstraße im Erzgebirgskreis. Dieser Ort ist besonders geeignet, da er frei von ortsnahen Geruchs- und Luftschadstoffquellen ist sowie in unmittelbarer Nähe zur tschechischen Grenze liegt. Der Aufbau der Messstation erfolgte am 24. Januar 2017 durch das Leibniz-Institut für Troposphärenforschung e.V. (Prof. Alfred Wiedensohler, Maik Merkel und Anja Schmidt).

Messstation in Deutschneudorf

Foto: Ivan Beneš

 

Tschechisches Untersuchungsgebiet

Die tschechische Messstation befindet sich in Lom (nahe Litvinov) in der Region Ústí am Fuße des Erzgebirges. Die Region Ústí liegt direkt an der Grenze zu Sachsen. In Lom existierte bereits vor dem Projekt OdCom die Messstation. Diese wurde im Rahmen des Projektes OdCom im Dezember 2016 um einige Messinstrumente erweitert.     

Messstation in Lom (nahe Litvinov)

Foto: LfULG

 

Was wird gemessen?

  • Meteorologische Parameter, wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Windrichtung und Windstärke
  • Standardluftschadstoffe (Messstation Schwartenberg auf sächsischer Seite): Schwefeldioxid (SO2), Stickstoffoxide (NO, NO2, NOX), Ozon (O3), PM10, Blei, Arsen, Nickel, Cadmium im PM10
  • Ultrafeinstaub und PM1-Ruß

 

Was wird analysiert und getestet?

  • Analyse von Aldehyden, flüchtigen organischen Verbindungen und Schwefelverbindungen (Windrichtungsabhängige Probenahme zur Identifizierung geruchsrelevanter Stoffe, organischer Stoffe mit toxischem Potential und Markern für verschiedene Prozesse (Holzverbrennung, Verkehr, Chemieindustrie etc.))
  • Verfolgung der Geruchsspur mittels „Geruchsradar“ (Ionenmobilitätsspektrometer) zur objektiven Messung von Gerüchen in der Umgebung und zur Identifikation von Geruchsquellen
  • Ökotoxikologische Tests zur Untersuchung der Auswirkungen von Stoffen auf die belebte Umwelt als Grundlage für die Ermittlung von Gefährdungspotentialen
  • Bestimmung von Bioaerosolkonzentrationen, um deren möglichen Beitrag zu den berichteten Krankheitssymptomen zu klären (Infektionen, Atemwegserkrankungen, Fieber oder Entzündungen, Husten, Kopfschmerzen, Übelkeit)

 

(3) Quelle: https://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/luft/3647.htm

(4) Quelle: http://prtr.ec.europa.eu

 

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